Archive for the ‘Buchstabengarten’ Category

Sommerfrische

Mai 31, 2009

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,sommerbeginn
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in die Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und laß deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiß dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen, als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz

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Garten mit Herz :-)

Mai 13, 2009
gartenherz

Blick in den Garten aus unserem Häuschen

Gebet eines Gärtners

Herrgott, richte es so ein,
daß es täglich von Mitternacht bis drei Uhr früh regne,
aber langsam und warm, weißt du, damit es einsickern kann;
doch soll es dabei nicht auf die Pechnelke, das Steinkraut, Sonnenröschen,
den Lavendel und andere Blumen regnen,
die dir in deiner unendlichen Weisheit als trockenliebende Pflanzen bekannt sind – wenn du willst, schreibe ich es dir auf ein Blatt Papier auf;
ferner soll die Sonne den ganzen Tag über scheinen,
aber nicht überallhin (zum Beispiel nicht auf den Spierstrauch und Enzian,
noch auf Funkie und Rhododendron) und auch nicht zu stark;
dann möge es viel Tau und wenig Wind geben,
genug Regenwürmer, keine Blattläuse, Schnecken und keinen Mehltau,
und einmal in der Woche
verdünnte Jauche mit Taubenmist regnen.
Amen.

Karel Capek


Frühling?

März 22, 2009

marzschnee2

Wollte nicht der Frühling kommen?
War nicht schon die weiße Decke
von dem Rasenplatz genommen
gegenüber an der Ecke?
Nebenan die schwarze Linde
ließ sogar schon (sollt ich denken)
von besonntem Märzenwinde
kleine, grüne Knospen schwenken.
In die Herzen kam ein Hoffen,
in die Augen kam ein Flüstern –
und man ließ den Mantel offen,
und man blähte weit die Nüstern…

Ja, es waren schöne Tage.
Doch sie haben uns betrogen.
Frost und Sturm und Schnupfenplage
sind schon wieder eingezogen.
Zugeknöpft bis an den Kiefer
flieht der Mensch die Gottesfluren,
wo ein gelblichweißer, tiefer
Schnee versteckt die Frühlingsspuren.
Sturmwind pfeift um nackte Zweige,
und der Rasenplatz ist schlammig.
In mein Los ergeben neige
ich das Auge. Gottverdammich!

Erich Mühsam (1878-1934)

Für Tränendes Herz :-)

März 20, 2009
sternchen22
Ich hebe gerne Blumen auf vom Boden,
die andere achtlos fortgeworfen haben,
und gebe ihnen, was man Blumen gibt.
So sterben sie, statt kalt im Kot begraben,
doch noch den süßesten von allen Toden:
den Tod bei einem Wesen,
das sie liebt.
Christian Morgenstern

Winterschlaf

März 16, 2009

garten-winter21

Winterschlaf

Indem man sich nunmehr zum Winter wendet, hat es der Dichter schwer, der Sommer ist geendet, und eine Blume wächst nicht mehr.

Was soll man da besingen? Die meisten Requisiten sind vereist. Man muß schon in die eigene Seele dringen – jedoch, da haperts meist.

Man sitzt besorgt auf seinen Hintern, man sinnt und sitzt sich seine Hose durch, – da hilft das eben nichts, da muß man eben überwintern wie Frosch und Lurch.

Klabund 1890 – 1928